Die Pubertät, der Übergang von der Kindheit ins Erwachsenendasein gleicht weniger einer kontinuierlichen, fließenden Bewegung als einem ungelenken Sprung. Sie ist eine Lebensphase, in der wir Erwachsenen die jungen Menschen – und sie selbst sich im Übrigen nicht minder – als in auffälliger Weise unrund und unfertig wahrnehmen. »Schuld« daran sind die Hormone. Sie verursachen bei den Pubertierenden ein plötzliches Wegbrechen des Vertrauten, die eigene Körperwahrnehmung verändert sich und das bewusste Entdecken der eigenen Sexualität beginnt. Aber auch das Denken verändert sich dadurch, die sozialen Bindungen zu Eltern und Freunden werden hinterfragt. Das Überbordwerfen zuvor fester sozialer Lebensbezüge und die Suche nach einer Neupositionierung innerhalb der Gesellschaft stellen eine enorme Desorientierung dar. Gleichzeitig ist diese jedoch wesentlicher Bestandteil der Persönlichkeitsausbildung und eines Individualisierungsprozesses.
Empfunden wird die Pubertät vor allem als ein Zwiespalt, ein ständiges Hin- und Hergerissensein. Dabei mündet das Verwerfen der vertrauten und gleichzeitige Erfinden einer neuen Welt in eine Kakophonie extremer Gemütszustände. Dieses Feuerwerk an Gedanken und Stimmungen, die gleichzeitigen Ängste und Hoffnungen, das Schwanken zwischen völliger Verunsicherung und geradezu traumwandlerischer Selbstsicherheit, zwischen tiefer Traurigkeit und großer Euphorie machen die Pubertät zu einem Lebensabschnitt, der sowohl für die Pubertierenden als auch für alle anderen Beteiligten nicht immer angenehm ist. Er ist jedoch immer von einem geprägt: Von allergrößter Intensität.
Womöglich ist es die schiere Kraft dieses inneren Erregungszustands, die das Thema für Künstler und damit auch für den Kunstrezipienten interessant macht.
Dabei sind es mitnichten allein die körperlichen Reize – wie etwa das »Lolita-Phänomen« –, von denen eine seltsame Attraktivität auszugehen scheint, sondern eher der erinnerte Traum des Neubeginnens, der ungebrochene Lebenshunger und die unverbrauchte Fähigkeit zur Neugierde, das Alles-noch-vor-sich-haben oder die Idee der ewigen Jugend, die uns faszinieren.
Und mag die Auseinandersetzung mit dem Thema auch tatsächlich retrospektiver Natur sein (denn meist haben Künstler und auch Kunstbetrachter die Pubertät hinter sich gelassen), so sind Veränderung, das Ausloten von Grenzen und das Revoltieren nicht nur wichtige menschliche Entwicklungsprozesse, die in der Pubertät besonders konturiert zutage treten, sondern auch gesellschaftliche. Die Pubertierenden von heute sind die Erwachsenen von morgen, und in ihrem Blick auf uns und ihre Umwelt lässt sich ein Spiegelbild unserer Zukunft erblicken.

Nach den beiden Ausstellungen »Idyll« und »Fluchten« in den Jahren 2007 und 2008 widmet sich der Künstlerverein in seiner 10. Schwerpunktausstellung »In between – die Kunst, erwachsen zu werden« erneut einem Thema, bei dem der Mensch und seine Beziehung zur Gesellschaft im Vordergrund steht. Die hohen Besucherzahlen dieser letzten Ausstellungen sprechen nicht nur für deren Qualität, sondern sie zeigen auch, dass sowohl auf Seiten der Kunstinteressierten als auch der Kunstschaffenden ein sehr großes Interesse an der künstlerischen Auseinandersetzung mit aktuellen beziehungsweise gesellschaftlich relevanten Themen besteht.

Auch das vom Künstlerverein verfolgte Konzept der »semikuratierten Ausstellung« scheint attraktiv: Die Zusammensetzung der in der Ausstellung präsentierten Werke ist zum einen Teil Ergebnis einer öffentlichen und jurierten Ausschreibung, zum anderen Resultat einer gezielten kuratorischen Arbeit. Auf spannende Weise treffen so in den Ausstellungen des Künstlervereins Arbeiten von vielversprechenden Nachwuchskünstlern auf die Werke von jenen, die sich auf dem internationalen Kunstmarkt bereits etablieren konnten.
Neben allen beteiligten Künstlern gilt unser besonderer Dank daher der Kuratorin und Künstlerin Christiane Erdmann, die die aktuelle Ausstellung zusammengestellt hat, und den Galerien, Sammlern und Institutionen, die durch ihre Unterstützung und Recherche vieles ermöglichten, was sonst nicht möglich gewesen wäre..



Weitere Termine im Rahmen der Schwerpunktausstellung:
17. Mai 2009: Themenabend mit Lesung und Dokumentarfilm. –> Mehr Infos HIER
03. Juni 2009: Salon am ersten Mittwoch zum Thema Pubertät.


Für die finanzielle Unterstützung des Projektes danken wir dem Kulturamt der Landeshauptstadt Wiesbaden, dem Ortsbeirat Nordost, und der Niederlassung Wiesbaden der UBS AG.



Sandra Mann: "Marie Therese"
Installation, 2006
(Foto ©Sandra Mann)


Nicolai Howalt: "Andreas Weimann, D (Germany)
13 years, 1 fight, 42 kg, 2001, still boxing"
Analog C-Print
(Foto ©Nicolai Howalt)


Andrea Lehmann: "Anonymer Anruf"
Öl und Schellack auf Nessel, 2008
(Foto ©Andrea Lehmann)


–> Ausstellungskatalog zum Download